Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Amélie - Drei Monate Kolumbien und das erste Lebenszeichen

16.10.2015, 10:39

Hallo zusammen!

Dies ist mein erstes Lebenszeichen nach 3 Monaten in Kolumbien.  Vieles ist in dieser Zeit passiert, es waren sehr aufregende Monate für mich, in denen sich jeder Tag anders gestaltet hat. Eins jedoch kann ich mit Sicherheit sagen, seinen Reiz hat mein Aufenthalt hier über die ersten 3 Monate nicht verloren, jeder Tag hier bisher hat sich für mich ganz persönlich gelohnt. So half mir der Sprachkurs im ersten Monat gut auf die Beine. Natürlich war mein Spanisch nach dieser Zeit noch holprig und lückenhaft, aber ich suchte die Konfrontation, lernte schnell Menschen kennen mit denen ich zu sprechen versuchte und lerne noch heute im Bus Vokabeln. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich mich gut verständigen kann und ich größtenteils alles verstehe, auch wenn ich etwas ungeduldig mit dem Sprachprozess bin. Das muss ich jedoch wahrscheinlich ‚tranquilo, tranquilo‘ (ruhig) angehen lassen. Ich habe schon jetzt große Fortschritte gemacht und jeden Tag lerne ich auch automatisch Neues dazu.

Kolumbien bietet viel

tl_files/fsd/userdata/ausland/erfahrungsberichte/leb_zeichen_amelie01.jpgWenn ich mich heute frage was ich eigentlich für Erwartungen und Vorstellungen an meinen Sozialen Dienst in Kolumbien hatte, fällt es mir schwer eine Antwort darauf zu finden. War doch alles, was ich zu glauben wusste ein Konstrukt aus den Vorbereitungswochen, den Erzählungen der Ehemaligen oder aus dem Wissen von Büchern.  Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch Kolumbien ganz subjektiv und anders wahrnimmt. Das Land bietet so Vieles, ist vollgepackt mit Artenvielfalt, Natur, Schönheit, Geschichte und Politik, Herzlichkeit und Lebensfreude, Spaltung und Konflikt, Tanz und Musik… an jeder Ecke werde ich aufs Neue überrascht, inspiriert. Ob meine Erwartungen erfüllt wurden? Nein, sie wurden übertroffen.
Was mir besonders gefällt, ist die Herzlichkeit der Menschen hier. Nirgendwo anders habe ich bisher so viel Freundlichkeit und Interesse erfahren. In der Musikhauptstadt Ibagué, findet das Leben Dank des Klimas auf der Straße statt. So bevorzugen es die meisten Menschen, sich mit ihren Stühlen auf die Straße zu setzen, während die Kinder draußen spielen. Ganz nach meinem Geschmack! So wird man immer wieder im Vorbeigehen in Gespräche verwickelt, redet ein wenig über Gott und die Welt, wünscht einen schönen Tag und hat ein Lächeln mehr am Tag gesehen. Fast immer stehen die Türen für mich offen, wenn es ein Problem gibt, habe ich viele Adressen, an die ich mich wenden kann. Hilfe ist nicht weit, Gesellschaft ebenfalls nicht. Die Gemeinschaft zählt hier eigentlich mit an erster Stelle. So empfinde ich meine neue Heimat als sehr warm und freundlich und das auch abseits des sonnigen Wetters.

Die Phase der Eingewöhnung

Den ganzen September über hatte ich Besuch von Selena, der Freiwilligen von der KJG, sodass ich die ersten 2 Monate rund um die Uhr ein bekanntes Gesicht um mich herum hatte. Joshua, Freiwilliger im Hogar del Niño, hatte den ersten Monat mit mir zusammengelebt. Zusammen haben wir einen Sprachkurs an der Universität besucht. Ich lebe demnach erst einen Monat alleine in Ibagué,  habe schon einen Umzug hinter mir, mehr oder minder chaotisch, und bin derzeit auf der Suche nach Tanzangeboten. Meine Leidenschaft für das Tanzen habe ich mit nach Lateinamerika genommen und kann es nun kaum erwarten in die Welt der heißen Tänze einzutauchen! Auch werde ich im besten Musikkonservatorium Kolumbiens nach Klavierunterricht suchen und von neuem damit anfangen. Ich merke schon, dass ich mich erst jetzt, da ich alleine lebe, voll und ganz auf die Kultur und Sprache einlassen kann. Mit jedem Tag lebe ich hier mehr, ich blicke sehr zuversichtlich auf mein Jahr!

tl_files/fsd/userdata/ausland/erfahrungsberichte/leb_zeichen_amelie02.jpgSo trat ich auch meine ersten Arbeitstage nicht alleine an, sondern gemeinsam mit Selena. Ich hatte einen guten Start in meiner Aufnahme-organisation, Concern Universal, lernte die Mitarbeiter und die Arbeitsfelder kennen. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Man merkt direkt, dass man in guten Händen ist.  Concern ist ein eingespieltes Team, welches die Situation mit einem Freiwilligen, der ihre Sprache anfangs noch nicht perfekt beherrscht gut kennt. Ich war doch sehr überrascht, über die Menge der verschiedenen Arbeitsbereiche und Gruppen. Noch heute schnupper ich wöchentlich in neue Gruppen, Foren und Konferenzen hinein. Die Struktur und Arbeitsmethoden durchblicke ich erst jetzt nach und nach. Das liegt daran, dass Concern Universal doch recht groß ist und ich durch den Umzug und die erste Krankheitswelle im ersten Arbeitsmonat ein paar Tage fehlte. Mittlerweile durchblicke ich meine Aufgaben allerdings gut und weiß, an wen ich mich für das Essensgeld oder benötigte Materialien beispielsweise wenden muss.

Gruppenstunden, Politik und junge Mütter

Meine Arbeitswoche hat sich nach einem Monat des Kennenlernens wie folgt herauskristallisiert:
Montags bereite ich Materialien und Aufgaben für meine zwei Gruppen im Büro vor. Diese bestehen aus jeweils etwa 8 Kindern im Alter von 8-11 Jahren. Bis zum Ende des Jahres bringe ich ihnen Handwerkliches und Basteleien bei (derzeit basteln wir Traumfänger) in Abwechslung mit Koch-einheiten und Sportspielen. Zum neuen Jahr biete ich dann mit etwas mehr Sprachkenntnissen auch noch Sprachunterricht an und Tanz. Am Nachmittag unterstütze ich die Senioren mit Rubén Dario, welche allerhand motorische Tipps & Tricks erlernen. Die darauffolgenden Tage begleite ich Luis Alfredo und Rubén Dario in verschiedenste Dörfer im Umkreis Ibagués. Dort erarbeiten wir mit Frauen oder Jugendlichen in Schulen - in Zusammenarbeit mit „Bienestar Familiar“, einer staatlichen Institution - allerhand zu Demokratie, Rechten, Kultur, Frieden und Teilhabe. Ich arbeite sehr gerne in diesem Bereich, da ich gesellschaftspolitisch ziemlich interessiert bin und die politische Situation Kolumbiens verstrickt, traurig und schwer zu verstehen ist. Auch kann ich ab und zu mit meinen Kollegen darüber sprechen.
Alternativ begleite ich Mauricio im Programm „Flexible“. In „Flexible“ kommen (junge) Mütter mit Babys, oder schwangere Frauen, die alles Brauchbare für Kind und Familie erfahren zusammen. Es ist spannend Einblicke in diese mir noch völlig fremde und unbekannte Welt zu bekommen. Nicht selten gibt es auch sehr junge Teilnehmerinnen, die Jüngste im Alter von 14, und gerne höre ich ihre Geschichten und Erfahrungen. Die Abtreibung ist in Kolumbien verboten, demnach wird gerade ihnen mit dem Programm sehr unter die Arme gegriffen.tl_files/fsd/userdata/ausland/erfahrungsberichte/leb_zeichen_amelie03.jpg Donnerstags und freitags arbeite ich dann mit meinen eigenen Gruppen. Damit habe ich gerade erst begonnen, es bereitet mir sehr viel Freude. Die Kinder haben mich und mein Freizeitangebot sehr schnell angenommen, was eigentlich meine größte Sorge war, nennen mich ‚Profe‘ (Kurzform für Lehrerin) und machen mir kleine Geschenke. Noch kommen sie zu sehr unterschiedlicher Zahl zu den Gruppenstunden. In Kolumbien endet das Schuljahr im Dezember, sprich zu den langen Ferien, die kurz vor Weihnachten beginnen. Deshalb stehen in der jetzigen Zeit lauter Abschlussprüfungen und Examen an, sowohl in den Schulen als auch in den Universitäten. So wie ich es erlebe, lernen die Kinder sehr fleißig. Sie nutzen jede Gelegenheit Neues zu erlernen, vor allem wenn es um Sprachen geht.

Indigene Gemeinschaften

In den ersten 2 Monaten begleitete ich die Mitarbeiter von Concern Universal auch in indigene Kommunen Ortega und Coyaima im Süden der Provinz Tolima. Dort werden verschiedenste Themenbereiche überwiegend mit den Kindern, aber auch mit dem Rest der Gemeinschaften erarbeitet. Ich durfte dieses Programm glücklicherweise kennenlernen, wenn auch nur für kurze Zeit. Es endete Ende September, da nun Verhandlungen darüber geführt werden, ob „Bienestar Familiar“ diese Arbeit weiter finanziert. Ich hoffe sehr, dass ich zum neuen Jahr dann wieder in die Kommunen zurückkehren kann, die Zeit dort bereicherte und faszinierte mich enorm. Ein bisschen trägt das Programm auch zur Traditionsbewahrung bei, was ich für sehr wichtig halte. Begegnet man einem Indigenen, erkennt man ihn höchstwahrscheinlich nicht. Durch eine Geschichte von Vertreibung und Landberaubung, Armut und Verlust, gingen auch viele der Traditionen verloren. Traditionelle Kleidung etwa wird kaum getragen, oder die indigenen Sprachen, wie „Pijao“ kaum noch gesprochen. Stolz bin ich schon, dass ich ein paar Fetzen dieser Sprache sprechen kann.  In Coyaima und Ortega ist es heiß und trocken, es gibt Tage an denen die Temperaturen bis zu 45°C erreichen.

Freundschaften

Außerhalb der Arbeit hat sich auch einiges getan in dieser kurzen Zeit. Direkt zu Anfang lernten wir Studenten der Universität über unsere Sprachlehrerin kennen, welche uns über Deutschland ausquetschten und uns zur ersten Party mitnahmen oder uns traditionelle Gerichte zeigten.
Die Kulturszene beeindruckt mich enorm! Im Oktober gab es gleich mehrere Festivals. Ich besuchte Konzerte, Ausstellungen und Vorstellungen des Jazzfestivals, der Theaterwoche, des Rockfestivals und vielem mehr. Das i-Tüpfelchen hierbei, meist bezahlt man keinen Cent dafür. Aber man lernt Leute kennen. Es ist schwierig schon das Wort „Freundschaft“ zu gebrauchen, weil man sich ab und zu doch noch etwas fremd ist. Auf einer anderen Sprache seinen Charakter zu repräsentieren, ist nicht das einfachste auf diesem Planeten. Jedoch nehmen mich diese Menschen mit zu weiteren Veranstaltungen, laden mich ein in ihre Häuser, zu einer Stunde Yoga im Park oder zum Essen ein, sodass ich einige von ihnen mittlerweile fast täglich sehe, was mir nur zeigt, dass sie ehrliches Interesse an mir haben. Ich bin froh so schnell, Anschluss gefunden zu haben. Auch wenn ich manchmal erschöpft bin nach der Arbeit, von der Hitze, der Sprache und all den Eindrücken, raffe ich mich lieber einmal mehr auf um mich in das Leben zu stürzen, als alleine zuhause zu sein. Besonders gut gefällt es mir, meine Freunde auf einen wunderbaren, kolumbianischen Kaffee zu treffen, da mir das Gespräch zu zweit am meisten hilft mein Spanisch zu verbessern und ich dabei nochmal mehr über die Person erfahre.

Geschenkschachtel

Alles in allem macht mir meine bisherige Arbeit bei der Fundación Concern Universal viel Spaß. So erwische ich mich doch ab und zu bei dem Gedanken, dass ich doch eigentlich viel mehr aus dieser Zeit mitnehme, als ich geben, investieren kann. Es ist eine Geschenkschachtel, voll mit wertvollen Erfahrungen und Bekanntschaften. Auch der frische Wind, dass ich gar nicht so sehr die Alltagsroutine durch das große Angebot habe gefällt mir gut. Jeder Tag ist anders, geht es so weiter, wird es ein buntes, vielfältiges und schwungvolles Jahr.
Durch das ständige Unterwegssein geht mir derzeit ein wenig die Puste aus, allerdings hatte ich glücklicherweise noch überhaupt keine Heimwehprobleme. Ich weiß, dass es eher untypisch ist und ich kann es mir gar nicht recht erklären, aber ein Tief blieb mir bisher erspart. Ich stehe im gesunden Kontakt zu meiner Familie und Freunden. Ohne dass es nervig und anstrengend wird, bekomme ich ein wenig mit aus Deutschland, was bei Freunden und Familie so passiert, manchmal schaue ich die Tagesthemen und freue mich darüber, dass ich derzeit nicht die Bahn oder Lufthansa nutzen muss. Alles aber eben auch nur so viel, wie es mir guttut, denn ich achte darauf, wirklich hier zu sein mit Kopf und Herz.

Schauen wir doch mal, was sich alles so tut bis Januar. Ich bin selber super gespannt!
Damit ganz herzliche Grüße in die Heimat und Danke für Ihr Interesse!  
Oder mit den Worten der Pijao: ‚Karey Karey y Lokia!‘ (Danke und Tschüss)

Amélie

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