Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Dritter Bericht von Selena, Bogotá, Kolumbien

25.08.2015, 11:23

Die Arbeit im Movimiento por la Vida und im Jugendzentrum in Ciudad Bolívar

Hola, que hubo? Wieder einmal sind drei Monate wie im Flug vergangen. Hier in Bogotá hat sich für mich so etwas wie ein (Arbeits-) Alltag eingestellt, ich habe einen festen Freundeskreis, auch wieder ein paar kleinere Reisen und Wochenendtripps hinter mir und trage mehr neue Erfahrungen und Erlerntes in mir. Was genau in den letzten Monaten passiert ist und wie es mir hier in Kolumbien geht, erfahrt ihr, wenn ihr weiterlest.


Die Sprache
Um nicht mit der alten Berichttradition zu brechen, auch jetzt erst einmal etwas zur Sprache. Nach fast 12 Monaten in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá würde ich behaupten, ziemlich gut Spanisch sprechen zu können. Klar, alles verstehe ich nach wie vor nicht - aber genauso wenig kommt es vor, dass ich in einem Gespräch komplett verloren bin und dumm aus der Wäsche gucke. Nach und nach versteht man typisch kolumbianische Redensarten, Scherze und Jugendsprache. Hier in Bogotá hört man fast täglich Leute aus den verschiedenen Landesteilen Kolumbiens in verschieden Dialekten sprechen und lernt mehr und mehr zu erkennen, wer aus der Küstenregion oder z.B. aus Antioquia kommt. Für mich ist es ein schönes Gefühl, nicht mehr nach dem ersten ausgesprochenen Satz als Ausländerin identifiziert zu werden, sondern oft verwundert zu hören, man hätte nicht erwartet, dass ich aus Deutschland sei. Da steckt natürlich oft auch die große Höflichkeit der Kolumbianer dahinter, aber trotzdem schön.


Die Arbeit im Movimiento por la Vida und im Jugendzentrum in Ciudad Bolívar
tl_files/fsd/userdata/ausland/aktuelles/03_sel_01.jpgSeit dem letzten Bericht hat sich hinsichtlich meiner Arbeit einiges getan und ich habe mir einen geregelteren Tagesablauf geschaffen. Neben der Arbeit im Büro und den Gruppenstunden von Movimiento por la Vida habe ich in einem Jugendzentrum im Stadtteil Ciudad Bolívar im Süden Bogotás angefangen. Betrieben wird dieses vom verantwortlichen Bürgermeister und dem Rathaus des Stadtteils. Ciudad Bolívar ist einer der problematischsten Teile Bogotás.


Im Jugendzentrum, welches im Dezember letzten Jahres eröffnet wurde, werden daher verschiedene Workshops zu Themen wie den Rechten der Frau, der Jugendpolitik und den Rechten der Jugendlichen in Kolumbien gegeben. Darüber hinaus gibt es Räumlichkeiten, die für Salsastunden, Bandproben oder zur Aufnahmen von Rap-Songs angeboten werden, sowie Platz zum Sprayen von Graffitis. Diese beiden urbanen Kulturen - Rap und Graffiti - sind im Barrio sehr stark ausgeprägt, so dass immer wieder Konzerte oder das gemeinschaftliche Sprayen eines Graffiti auf dem Tagesplan stehen. Meine Aufgabe im Jugendzentrum, in dem ich in der Regel drei Tage der Woche verbringe, besteht hauptsächlich darin, die festangestellten Mitarbeiter bei Organisation, Vorbereitung und Betreuung der verschiedenen Aktivitäten zu unterstützen. Außerdem gebe ich Kindern und Jugendlichen seit 2 Monaten regelmäßig Englischunterricht und habe mit einem im Stadtteil bekannten Künstler angefangen, einen Raum des Jugendzentrums umzugestalten. Trotz eigener Aufgaben habe ich das Gefühl, dass ich persönlich viel mehr durch die Arbeit in Ciudad Bolívar lerne und mehr über die Kultur und politische Situation in Bogotá erfahre. Durch die Vielfältigkeit der Veranstaltungen im Jugendzentrum gibt es immer ein Seminar oder eine Besprechung, an der man teilnehmen kann, um über Politik, Recht und Kunst nachzudenken.


An den anderen Tagen der Woche begleite ich weiterhin den Semillero, eine Jugendgruppe in Tunjuelito. Tunjuelito liegt ebenfalls im Süden der Stadt. Gemeinsam mit der neuen Freiwilligen des Movimiento und den Jugendlichen haben wie den Plan ausgearbeitet, einmal die Woche im Centro Experimental über die lokale Umweltsituation und die Arbeit des Zentrums, die hauptsächlich aus ökologischen Projekten besteht, zu lernen.


Samstags führen wir nach wie vor die Samstagsschule fort: Mit meiner Chefin Nelly treffen wir uns also jeden Samstag vier Stunden mit den Jugendlichen einer Privatschule und sprechen über Gesellschaft, Umwelt und Zukunft.
So viel zu meiner Arbeit in Bogotá in den letzten Monaten. Rückblickend möchte ich betonen, dass es nicht immer einfach ist, seinen Platz in der Arbeit zu finden, da die Betreuung von Praktikanten, wie ich es im Falle des Jugendzentrums bin, nicht so intensiv und organisiert abläuft, wie vielleicht in Deutschland. Wenn man aber mehr oder weniger seine Rolle definiert hat, gibt die Arbeit einem unheimlich viel Raum und Potenzial zum Lernen und Wachsen, Kennenlernen und Austauschen.


Freizeit (in Bogotá)
tl_files/fsd/userdata/ausland/aktuelles/03_sel_02.jpgDa ich meine Zeit hier nicht nur mit Arbeiten verbringe, sondern diese auch nutze, um die Stadt kulturell kennenzulernen, möchte ich euch hier kurz von ein paar Unternehmungen erzählen. Im Mai habe ich mit Freunden die Buchmesse zum Thema „Macondo“ (Anm.: fiktive Kleinstadt) aus dem Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez besucht, war beim Friedensmarsch durch Bogotá dabei und war vor kurzem bei einem Tangokonzert unter freiem Himmel. Außerdem treffe ich mich viel mit meinen Freunden, die mittlerweile einen festen Freundeskreis bilden. Ich war mehrmals bei der Ciclovía - jeden Sonn- und Feiertag werden Teile der Stadt für Autos und Motorräder abgesperrt und für Fußgänger und Fahrradfahrer freigegeben, sodass eine regelrechte Volksfeststimmung im Zentrum der Stadt herrscht.


Und vor ein paar Tagen bin ich von einer Freundin zu nahegelegen Thermalbädern eingeladen worden, die aus dem Wasser eines ehemaligen aktiven Vulkans genährt werden. Einfach schön entspannend, mal für ein paar Stunden aus der hektischen und chaotischen Stadt zu fliehen und Energie in der Ruhe der Natur zu tanken.


Die Freiheit des Reisens
tl_files/fsd/userdata/ausland/aktuelles/03_sel_04.jpgWie auch in meinen letzten Berichten erwähnt, begeistert mich das Reisen und Kennenlernen neuer Orte. So habe ich auch dieses Mal wieder die langen Wochenenden genutzt, um ein paar Ausflüge zu realisieren und andere Facetten von Kolumbien zu entdecken und mein Bild des Landes um einige Orte und Erfahrungen zu erweitern.
Mit einer Gruppe von 20 Studenten der Universidad Nacional haben wir spontan entschieden, für ein paar Tage nach Cundinamarca zu fahren und eine Finca zu mieten.


Ein Wochenende später hieß es dann für mich nach Líbano in Tolima zu fahren. Joshua, der Freiwillige des BDKJ, lud uns drei andere zu sich ein, um beim Sportfestival mit über 100 Kindern und Jugendlichen teilzunehmen. Das Festival hat er selbst organisiert und wir konnten ihm ein bisschen unter die Arme greifen. Das Wochenende nutzten wir gleichzeitig auch für einen Ausflug zu einer nahegelegen Finca, die Bio-Kaffee produziert.
Für mich war der Besuch in Líbano gleichzeitig auch die Möglichkeit, mich bei Bekannten aus dem Dorf zu verabschieden, da meine Zeit in Kolumbien bereits dem Ende zugeht.


Dank der vielen Feiertage im Juni konnte ich außerdem mit einem Freund zu seiner Familie nach Boyacá reisen, die benachbarten Dörfer Ramiriqui und Jenesano besuchen und ein „Internationales Fest des Mais“ miterleben. Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Menschen in diesem Departatmento hat mich wieder einmal stark beeindruckt und meinen kurzen Besuch mit viel Freude gefüllt. Auf dem Rückweg nach Bogotá machten wir einen Abstecher nach Villa de Leyva, einem alten Kolonialdorf, welches als „unbedingt sehenswert“ angepriesen wird und die Besucher mit seinem wunderschönen, alten Marktplatz in seinen Bann zieht.


Zuletzt war ich ein Wochenende in der Nähe einer Stadt namens La Vega in Cundinamarca zelten und bin nach Ibagué gefahren, um mich dort von Freunden zu verabschieden.


Nun liegt nicht mehr viel Zeit vor mir, bevor es für mich heißt, meine Zelte abzubauen und Freunden und Familie in Bogotá „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Wer weiß, wann man sich wiedersieht, ob man sich wiedersieht oder wo? Dieser Abschied erscheint mir jetzt schon sehr viel schwerer als der aus Deutschland, da die Möglichkeit besteht, sich eventuell nicht mehr wiederzusehen. Jedoch bin ich mir sicher, dass ich vielleicht nicht schon morgen, aber hoffentlich übermorgen nach Kolumbien zurückkommen werde!


Das war es auch schon wieder, das nächste Mal hören wir uns in Deutschland und nicht mehr aus Bogotá!
Eure Selena

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