Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Helen - Eindrücke aus Sambia

28.09.2016, 10:08

Mir kommt es vor wie Gestern als ich den letzten Bericht geschrieben habe, trotz dass wieder einmal so viel in den paar Monaten passiert ist und ich wieder einmal so viel Neues gelernt habe. Man darf hier nie denken „so, jetzt weiß ich über alles Bescheid, jetzt bin ich eine echte Sambierin.“ Immer wieder stolpere ich über neue Dinge, die entdeckt werden wollen und treffe neue Menschen, die mir neue Geschichten erzählen.


So letztens zum Beispiel als ich mich auf den Weg zum Singen gemacht habe. Wir haben uns jeden Nachmittag vor Ostern getroffen um für das Easter Festival, einem Nachmittag für die Chöre in den Small Christian Communities, zu proben. Auf dem Weg zu dem Treffen ist mir ein älterer Herr begegnet, der nicht wie sonst viele mir einfach nur „Mzungo“ hinterhergerufen oder mir ein nächstes „How are you?“ an den Kopf geworfen hat. Er hatte einen Maiskolben dabei, hat ihn in zwei Hälften geteilt und mir eine Hälfte angeboten. Und so sind wir zusammen ein Stück gegangen. Er fand es super, dass ich das Tongawort für Maiskolben „Popgwe“ kannte und wir haben uns wirklich nett unterhalten: Über Politik und die anstehenden Wahlen im August, die schlechte Regenzeit und er hat mir verkündet, dass „Sambia ja so ein friedvolles Land ist“, wie es mir schon viele zuvor gesagt haben. Ja, das sehe ich genauso, doch manchmal zweifele ich ein bisschen an dem berühmten Slogan „One Zambia one Nation“, mit dem jeden Abend die Nachrichten beginnen. Das liegt vor allem an den vielen kleinen Stämmen in Sambia und den vielen (74!) unterschiedlichen Sprachen. Da ist es manchmal ganz schön schwer ein Land zu sein, besonders in der Zeit vor den wirklich sehr wichtigen Wahlen.

Sambia hat gerade ein paar Laster zu tragen. Unsere Währung verliert an Wert. Die Regenzeit war sehr trocken, sodass der Mais nicht ordentlich wachsen konnte. Geplante Stromausfälle (das bedeutet, dass jede Stadt einen Plan bekommt, auf dem steht an welchem Wochentag um welche Uhrzeit es keinen Strom gibt) und somit Wasserausfälle gehören zum Alltag dazu. Die Sambier sind deswegen alle sehr gespannt auf die Wahlen im August. Wird sich dann endlich etwas verbessern? Man kann bereits jetzt schon die Spannung in der Luft spüren. Zu schade, dass ich im August wieder in Deutschland sein werde. In Deutschland, wo man irgendwie überhaupt nichts davon hört, dass der Kwacha gerade eine ziemliche Kriese hat oder dass sich so viele Menschen Sorgen um ihr Hauptnahrungsmittel machen. Das ist schon sehr komisch wenn ich daran denke, weil Sambia nun meine zweite Heimat ist und plötzlich so viel wichtiger als jedes andere Land, was andauernd in den deutschen Nachrichten ist.


Was ich außerdem Neues kennengelernt habe, ist Ostern. Ich habe immer gedacht, ich kenne Ostern. Ja, deutsches Ostern vielleicht mit einer andächtigen Osternacht und ein paar buntgemalten Eiern die ein Hase versteckt (schon ein seltsamer Brauch, wenn man mal darüber nachdenkt). Aber ich kannte bis dieses Jahr nicht das sambische Ostern, ein so beschäftigtes Fest mit so viel Hingabe und Glauben und Freude. Palmsonntag sind wir alle unter Singen mit mannsgroßen Palmwedeln zur Kirche gelaufen. Gründonnerstag hatten wir eine Messe mit so vielen Gesängen. Karfreitag haben die Jugendlichen den Kreuzweg nachgespielt: Mit echten Kreuzen an denen die Jungs wirklich aufgehängt wurden und so viel Dramatik, dass ich echt das Gefühl hatte, das erste Mal den Kreuzweg richtig verstanden zu haben. Und dann die Osternacht. Ich habe noch nie in meinem Leben (selbst nicht hier in Sambia) so eine Messe erlebt. Es war zuerst sehr feierlich mit den vielen Kerzen in der Kirche. Und dann war die Atmosphäre schließlich voller Freude als Jesus Auferstehung verkündet wurde. Ich habe gedacht, Jesus höchstpersönlich kommt zur Kirche hereinspaziert, so sehr haben die Menschen gefeiert, getanzt, gesungen und geschrien. Es war wirklich fantastisch. Ich habe bereits meiner Familie gesagt, dass ich, wenn ich Sambia wieder besuchen komme, auf jeden Fall Ostern kommen werde.


Die Geschichten die ich sonst hier oft mithöre oder erzählt bekomme, handeln regelmäßig von Hexen, Schlangen, bösen Geistern und dem Teufel. Natürlich habe ich darüber schon von Vorfreiwilligen gehört, aber zu sehen, wie ernst viele Menschen diese Geschichten nehmen, hat mich trotzdem überrascht. „Ich glaube nicht daran, aber es ist da.“ Diese Aussage habe ich schon oft gehört. Zuerst war ich ein bisschen verwirrt. Wenn man an etwas nicht glaubt, dann ist es doch auch nicht da, oder? Dann aber habe ich verstanden, was mit „Glauben“ gemeint ist. Glauben in diesem Falle heißt so etwas wie „Anbeten“ „Verehren“ oder „Unterstützen“. So „glauben“ viele an Gott oder an den christlichen Glauben, jedoch nicht an Zauber und Witchcraft. Lustige Missverständnisse tauchen so immer wieder auf.  Zum Beispiel war letztens ein weißer, etwas älterer Mann in einem Dorf unterwegs. Er hatte zufällig ein bisschen Bart und anscheinend ein weißes Gewand an, denn plötzlich wurde er von allen als der wiederauferstandene Jesus gehalten. Dazu wäre es in einem deutschen Dorf sicherlich nicht gekommen.


Eine immer noch große Herausforderung für mich ist die Sprache: Tonga hier in Mazabuka. Ich muss immer wieder feststellen, dass Englisch vielleicht die Landessprache ist, doch die Menschen untereinander eigentlich nie Englisch reden. Wenn ich manchmal mit Freunden unterwegs bin, bekomme ich nur Brocken von dem mit, über das sie reden und dass ist manchmal echt schade, weil ich es so gerne verstehen würde! Ein paar Dinge sind mir aber natürlich schon vertraut und es ist immer schön zu sehen, wie sich jemand freut, wenn man auf dem Markt einkaufen geht und nach dem Preis auf Tonga fragt: „Mali nzi?“. Ich habe aus der Schule wo ich zurzeit arbeite ein Tonga-Englisch Wörterbuch bekommen, was mir wirklich sehr hilft. Darin stehen auch Tonga Sprichwörter und ich fand es sehr interessant zu sehen, wie sehr die Umgebung und die Kultur Sprichwörter beeinflusst. Zum Beispiel ist unser „der frühe Vogel fängt den Wurm“ auf Tonga „Injombe ntaanzi njinywa meenda mabotu“, wörtlich übersetzt: „Der erste Elefant trinkt das sauberste Wasser.“
Auch die Familiensituation und das Gefühl von Familie drückt sich perfekt in der Sprache hier aus. Hier in Sambia stehen alle Türen jederzeit jedermann offen. Alle werden mit in die Familie aufgenommen und wenn meine Mutter mir jemanden als meine Tante vorstellt, dann ist das nicht unbedingt die Schwester meiner Mutter oder meines Vaters, sondern vielleicht auch die Cousine oder die angeheiratete Großtante. So gibt es in Tonga zum Beispiel gar kein Wort für Cousin oder Cousine, es gibt nur Bruder und Schwester. Das Wort für „Tante“ in Tonga „Baama Bamwi“ wird wortwörtlich mit „meine andere Mutter“ übersetzt. Ich finde, dass zeigt wie offen und herzlich die Menschen hier sind. Und das erfahre ich immer wieder.


Ich kann gar nicht glauben, dass ich meinen nächsten Bericht schon in Deutschland verfassen werde. Ich bin doch gerade erst angekommen! Ich habe mich doch gerade erst eingelebt und das Essen, die Menschen, das Klima, die Stadt lieben gelernt. Ich glaube, egal wie viele Berichte, Fotos und Eindrücke ich vor meinem Jahr von anderen Freiwilligen und auf den Vorbereitungsseminaren bekommen habe, ist dieses Jahr doch ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Vor allem jedoch hätte ich nie gedacht, dass ich es so schwer finden würde, Mazabuka wieder zu verlassen. Zum Glück habe ich noch knapp drei Monate!

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