Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Zurückgekehrt

10.10.2010, 11:00

Seit zwei Wochen bin ich jetzt schon wieder „zu Hause“. Gibt es denn überhaupt einen einzigen Ort, der „zu Hause“ heißt? Für mich persönlich habe ich entschieden, dass die Welt mein zu Hause ist – unsere große, faszinierende, herausfordernde, interessante, EINE Welt. Warum ich das sage? Nie hätte ich gedacht, dass mir das Land, in dem ich aufgewachsen bin so fremd vorkommen kann.Die ersten Tage in Deutschland waren geprägt von Heimweh nach den Dingen und Personen, an die ich mich so gewöhnt hatte in den letzten Monaten, und Freude über die Dinge und Personen, die ich in Sambia vermisst hatte. Die Frage „Und, bist du froh wieder hier zu sein?“ ist wohl eine der schwersten Fragen, die mir gestellt wurden. Auch war es nicht einfach für mich zu akzeptieren, dass für die meisten meiner Freunde, das vergangene Jahr „einfach nur ein ganz normales Jahr“ war, wo sich nur hie und da die ein oder andere Situation verändert hatte. Wie kann es sein, dass in den vergangenen 12 Monate, in denen ich so viel erlebt, gesehen und gestaunt habe, in denen sich für mich so viel verändert hat, dass in diesen Monaten die Zeit hier in Deutschland so „vor sich hin getrottet“ zu sein scheint?

Wenn ich so zurück schaue, dann hatte ich wohl echt Glück. Meine Familie, meine Gemeinde und meine neu gewonnenen Freunde in Sambia haben mir ein sehr glückliches Jahr bereitet. Ich hatte die Chance mich sehr ungewöhnlichen Herausforderungen zu stellen und auch wenn ich mir in manchen Situationen verloren und allein vorkam, so war ich es wohl nie.

Eine Erfahrung, von der ich bisher noch nicht berichtet habe, die aber zweifelsohne zu den wichtigsten Erfahrung gehört, waren meine „Village-Experience“ Anfang Juni. Acht Tage habe ich in einem kleinen Ort 120 km schaurige Staubstraße von der nächsten Stadt entfernt gelebt. Kein Strom, kein fließend Wasser, ein 10cm x 10 cm großes Loch im Boden als Toilette. Mit Menschen um mich rum, die kaum Englisch sprechen und deren Sprache ich auch nicht vernünftig beherrsche. Der Kulturschock, den ich am Anfang des Jahres erwartete, traf mich dort wie ein Schlag. Erschienen mir die Ablenkungsmöglichkeiten in Kalomo schon immer sehr wenig, musste ich mich hier damit zurecht finden, dass es nichts gibt außer Arbeit, Hausarbeit und Freunde. Das ist sehr hart, wenn man nicht arbeitet und – da man ja neu ist – seine „Freunde“ kaum kennt. Aber ich habe sehr viel gelernt! Nie wieder werde ich wohl einen Wasserhahn aufdrehen ohne an die Frauen zu denken, die jeden Morgen und Abend auf dem Kopf 20-liter-Kanister voll Wasser vom Brunnen in den Ort tragen. Herausfordernd waren vor allem die vielen Dinge, die zwar nicht neu für mich waren, aber mit denen ich mich davor noch nicht so sehr auseinander setzen musste. So z.B. Polygamie oder die Einstellung, Schule als Nebensache anzusehen.
Die Tage im Village gehören sicherlich nicht zu den glücklichsten Tagen meines Aufenthaltes, aber dafür zu den lehrreichsten. Sambia ist für mich ein Land der Extreme, Stadt – Land, reich – arm, mit Schulbildung – ohne (ich mag den Begriff „ungebildet“ nicht, denn auch Menschen, die nie zur Schule gegangen sind, sind „gebildet“ in Dingen wie Haushalt, Feldarbeit, Tierhaltung, von denen Menschen wie ich, mit Abitur, absolut keine Ahnung haben und die wie ich finde mehr Anerkennung verdienen als sie bekommen). Freude und Trauer liegen so dicht beieinander, und werden doch – oder gerade deshalb – viel intensiver empfunden. Glück und Unglück sind in meinen Augen Nachbarn geworden.
Ich denke, dass die Hoffnung, der Glaube, die Gelassenheit und die Gemeinschaft mit denen in Sambia gemeistert wird, was immer einem begegnet, auch mir viel Kraft gegeben haben. Und ich hoffe, dass ich mir etwas davon bewahren kann, auch im Alltag im sehr „indiviuellen“ Deutschland, in der es keine allgemeingültigen Lösungen gibt, sondern jeder selber versuchen muss glücklich zu werden.

Ich bin allen denen, die mir dieses Jahr ermöglicht und mit mir gestaltet haben, unglaublich dankbar. Ich habe so viel mitgenommen und hoffe, dass auch die Menschen etwas von mir in Erinnerung behalten werden. Und wenn es nur die Kinder sind, die jetzt wissen, dass Weiße auch nur weißfarbene Schwarze sind, dann hat sich der Einsatz für mich schon gelohnt.

Bei allen, die mich vor und während diesen Jahres in allen möglichen Formen unterstützt haben, möchte ich mich ganz herzlich bedanken!

Natalie Regniet, Düren

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